Die folgende Leseprobe ist nicht durchgehend. Teile des Buchtextes fehlen.
Schweigen ist auch (k)eine Lösung
Er blickte sich um. Eine der Neonröhren flackerte. Vor zehn Minuten hatten sie ihn allein zurückgelassen. Kahle, schmucklose Wände ohne Fenster, es gab kein Tageslicht, nur ein großer Spiegel befand sich auf der Längsseite.
Unruhig rutschte er auf dem Stuhl herum und sah auf die Uhr. Markus saß in der Klemme. Seit letztem Wochenende war sein Leben aus dem Gleichgewicht geraten und er wusste nicht, wie er das Ganze unbeschadet überstehen sollte. Der Sessel war unbequem, der Tisch vor ihm abgenutzt. Um sich abzulenken, spielte er mit dem Gedanken, sein Handy hervorzukramen, doch er ließ es bleiben, war zu nervös.
Als die Tür erneut aufging, trat der Typ, dem er bereits alles erzählt hatte, in Begleitung einer Frau in den Raum. Sie war mittleren Alters, ihr blassbraunes Haar zurückgekämmt und zu einem offenen Zopf gebunden. Das Auftreten guter Bulle, böser Bulle hatte anscheinend ausgedient und war einer moderneren Variante gewichen. Was wollten sie denn noch von ihm hören?
Beide nahmen ihm gegenüber Platz, genauso wie er es aus unzähligen Fernsehkrimis her kannte. Der Mann legte seine Notizen vor sich ab, die Frau betätigte den Knopf des Aufnahmegerätes.
„Mein Name ist Carola Jung, Mordkommission. Das hier ist leider erforderlich. Markus Prankl, 18 Jahre alt, Schüler. Ist das korrekt?“ fragte sie mit sachlicher Stimme.
Ihr Blick verständnisvoll. Sie könnte seine Mutter sein, trotzdem würde er dem Gesagten nichts hinzufügen und schon gar nicht erzählen, was sich wirklich abgespielt hatte.
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Teile des Textes fehlen.
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Samstag
Der Sound hatte sich in der Zwischenzeit komplett geändert. Markus mochte das Dröhnen der Boxen und tanzte gern in ihrer Nähe. Wenn die Vibrationen der Lautsprecher in seinem Körper nachbebten, die Membran die Luft in Schwingung versetzte, wandelte er sie in Energie und Bewegung um. Dann erwachte etwas in ihm. Dann lebte er auf. Herzschlag und Rhythmus passten sich der Musik an, er trieb dahin und blendete den Rest aus. „Flying high! High up to the Sky!“ Das bedeutete Saturday-Night-Feeling für ihn. Sich verausgaben und alles rundherum vergessen, bis das Shirt pitschnass an der Haut klebte, ihn der Durst überkam und er zur Bar musste, weil er dringend Flüssigkeit brauchte.
„Na, heute Chauffeur?“
Während das Wasser die ausgetrocknete Kehle hinunterfloss, sah er aus dem Augenwinkel Lukas‘ freches Grinsen. Beides war erfrischend.
„Lust auf eine Kippe?“
Markus wusste genau, welche Art er damit meinte. Vor ein paar Wochen hatte er ihn noch nicht einmal gekannt, den Neuling aus der Stadt, der erst seit Kurzem hier wohnte. Talentierter Nachwuchsfußballer, Draufgänger, passte zur Position des Stürmers, die er innehatte. Damals auf dem Pfingstfest in St. Martin hatte reger Betrieb geherrscht, auch vor den Toiletten. Markus fühlte sich in der Enge eines Klowagens ohnehin unbehaglich und der Druck auf seine Blase, den er kaum mehr zurückhalten konnte, hatte ihn dazu bewogen einen Platz hinter den Büschen aufzusuchen. Ging schneller und kostete zudem keine fünfzig Cent. Eine gute Entscheidung, wie sich herausstellte und noch rechtzeitig. Erleichtert schloss er den Reißverschluss, drehte sich um und wollte sich auf den Rückweg machen, als das Aufglimmen einer einzelnen Zigarette ihn innehalten ließ. Ein verirrtes Glühwürmchen in dunkler Nacht.
Das hatte ihm noch gefehlt.
Bei der Menge Alkohol, die an diesem Abend schon geflossen war, brauchte es nicht unbedingt einen Grund für eine Stänkerei und dass er sich allein im Finstern befand, stimmte ihn keinesfalls zuversichtlich. Markus versuchte das aufkeimende Gefühl von Nervosität und Unbehagen zu unterdrücken, keine Anzeichen davon erkennen zu lassen. Er behielt sein Tempo bei, vermied es sich weiter umzublicken, bemühte sich gelassen und unauffällig zu bleiben. Doch dafür war es längst zu spät.
„Auch mal ziehen?“
Deutlich hörbar wurde süßlicher Qualm ausgestoßen und kitzelte in seiner Nase. Der andere war näher als er vermutet hatte. Vielleicht zwei, drei Meter entfernt. Schwer abzuschätzen in der Dunkelheit.
„Danke. Bin nur Gelegenheitsraucher.“
Er hoffte, die Sache damit überstanden zu haben, aber das Angebot wurde nachgebessert.
„Mann, entspann dich. Das ist guter Stoff. Glaub mir.“
Markus zögerte. Er rauchte nur selten. Es rentierte sich nicht einmal für eine eigene Packung, deren Reste am Ende doch nur trocken und kratzig schmeckten. Wenn ihm danach war, dann schnorrte er sich eine Kippe, und gekifft hatte er zuletzt vor Ewigkeiten. Ein leichtes Prickeln breitete sich an seinem Gaumen aus. Wahrscheinlich hatte der Unbekannte ihn längst durchschaut, noch bevor er die Richtung änderte und zwischen den herabhängenden Ästen eintauchte. Langsam gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit, machten die Umrisse einer Person aus. Groß und athletisch. Aber Schatten konnten täuschen. Die Hand mit dem Joint reckte sich ihm entgegen und besiegelte die Einladung endgültig. Markus nahm ihn, machte erst einen vorsichtigen Zug, bevor er einen weiteren mit deutlich mehr Enthusiasmus nahm und es angenehm zu kribbeln begann.
„Geiles Zeug. Danke.“
„No problem. Die Meute da drinnen hält man auf Dauer sowieso nicht aus und allein macht’s auch keinen Spaß.“
Markus mochte die lockere Art seines Gegenübers. Seine Ausstrahlung hatte etwas Beruhigendes und mit fortschreitender Dauer des Gespräches erwiderte er immer öfter dessen selbstsicheres Grinsen, was vielleicht auch am Gras liegen mochte. Nachdem die Glut erloschen war, verabschiedeten sie sich, gingen getrennter Wege zurück, jeder zu seinen Leuten. Ein kurzer Blick, dann war Lukas in der Menge verschwunden, ohne dass sie Nummern getauscht oder eine Wiederholung geplant hatten. Seither waren sie einander nicht mehr begegnet und das neuerliche Angebot klang durchaus verlockend.
„Muss sowieso raus, weil ich n´neues Oberteil brauch.“
Demonstrativ hob Markus die Arme, zupfte am nassen Stoff, der an ihm klebte. „Aber rauchen, heute? Ich weiß nicht so recht.“
Während er den Kofferraum öffnete, das Shirt hochzog, spürte er noch bevor sein Kopf darunter verschwand Lukas‘ Blick. Im Vergleich zu ihm war Markus schlanker, seine Muskelpartien weitaus weniger ausgeprägt.
„Ideale Vorbereitung für einen Wet-Shirt-Contest.“
Markus verspürte eine gewisse Verlegenheit und reagierte nicht.
„Magst du eine Runde fahren? Mir wär lieber, wenn ich mir den Joint nicht unbedingt hier auf dem Parkplatz reinziehen muss.“
„O. K. Wohin willst du?“
„Du bist der Einheimische. Ich kenn mich nicht aus. Überrasch mich einfach.“
Er musste nur kurz überlegen, Markus kannte den idealen Ort.
Während sie angeregt plauderten, steuerte er den Wagen zielsicher durch die Nacht, bis sie in eine kleine Forststraße einbogen. Unter den dichten Baumkronen war es fast völlig dunkel. Die Steigung nahm zu, er schaltete in einen niedrigeren Gang und wurde langsamer. Trotzdem glaubte er fast aufzusitzen, als sie am Rande einer Lichtung, den inzwischen schmalen und wenig befahrenen Weg verließen. Holpernd überwand er den kleinen Graben und die darauffolgende Unebenheit. Alles gut gegangen. Hinter einem Stapel übereinander geschichteter Holzscheite stellte er den Motor ab, machte das Licht aus. Mond und Sterne übernahmen an seiner statt. „Wow, nicht zu viel versprochen.“
Bis auf das Zirpen der Grillen und vereinzeltes Rauschen in den Wipfeln war es still. In der Ferne unter ihnen, reihte sich Dorf an Dorf, der Donau entlang. Aufgefädelt wie an einer Lichterkette. Der Strom selbst schimmerte silbern im Mondschein.
Ohne auf ihn zu warten war Lukas bereits den Hang nach unten gelaufen, hatte sich in die Wiese gesetzt und zündete sich den Pot an. Der Platz schien ihm zu gefallen.
Markus folgte ihm. Bisher war er nur mit Anna hier gewesen, hatte mit ihr herumgemacht, sich in sie verliebt und in der Folge die glücklichsten Wochen seines Lebens verbracht. Aber dann hatte sie plötzlich Schluss gemacht und den Kontakt abgebrochen. Warum, das wusste er bis heute nicht. Sie wich ihm aus und das war in so einem kleinen Dorf nicht einmal so leicht.
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Teile des Textes fehlen.
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In allen nur erdenklichen Farben glitzerte der Nachthimmel, während sie Seite an Seite im Gras hockten. Es hatte keiner großen Überredungskunst bedurft, bis die Zigarette zwischen ihnen hin- und herwechselte. Dicht aufeinanderfolgend stieß Lukas weiße Ringe in die Luft, die langsam emporstiegen, eine Wolke bildeten und sich in einer eigenständigen Galaxie verflüchtigten. Das Dope stieg Markus zu Kopf. „So toll!“
Er bewunderte, wie Raum und Zeit ineinander verflossen.
„Lust auf was Neues?“
„Klar doch, immer!“
„Wenn du dich traust, dann bring ich dir bei, wie man einen Shot gibt.“
„Bin dabei.“
„O. K. Du weißt was ein Shot ist?“ Lukas schmunzelte.
„Nee“, bereits angeheitert kicherte Markus, „nur vom Lokal an der Bar.“
„Hilft Stoff zu sparen. Stell’s dir wie Recycling vor. Ich nehme einen Zug und geb ihn dann an dich weiter.“
Markus schaute ihn verständnislos an.
„Wenn ich mich zu dir beuge und den Rauch ausatme, brauchst du nichts anderes tun als ihn einzusaugen. Am besten ich zeig’s dir. Probier’s einfach aus.“
Nein, er hatte das System keineswegs kapiert, aber egal, Lukas war in Ordnung und er vertraute ihm. Alles happy. Alles gut.
Zuerst spürte er die Nähe von Lukas‘ Arm, der ihn am Oberschenkel berührte, sein Gesicht vor seinem, dann nahm er die kleine Wolke in sich auf und es fühlte sich herrlich an.
Lukas grinste.
„Gleich nochmal. Jetzt schließ die Augen!“
Bereitwillig folgte Markus der Anweisung, öffnete den Mund und wartete. Seine Lungenflügel hoben und senkten sich, registrierten, dass die Nachtluft kühler geworden war, und noch bevor er etwas anderes wahrnahm, spürte er die fremden Lippen auf den seinen. Der Qualm war noch intensiver. Er schlug die Augen auf und sah in die glänzenden Pupillen seines Gegenübers, grün-blau, wie der abgrundtiefe Ozean. Lukas wich zurück, aber Markus hatte die Begierde bereits ausgemacht. In Lukas‘ Iris braute sich ein Sturm zusammen, der die Kraft hatte, alles mitzureißen, ein Orkan, dem nichts in Markus standhalten würde. Lukas näherte sich ein weiteres Mal, hatte keinen neuen Zug genommen, einfach so legten sich seine Lippen auf die von Markus, um zu bleiben.
Himmel und Hölle brachen über ihn herein. Die feinen Härchen in seinem Nacken richteten sich auf, um ihm Gefahr anzuzeigen, doch ihre Warnung kam zu spät. Die Hand an seiner Schulter besänftige sie, strich jeden Widerstand beiseite, noch bevor er etwas dagegen unternehmen konnte.
Selbst sein Kopf sagte ihm: Nicht denken, tun!
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Kraftlos und ohne jede Gegenwehr sank Markus zu Boden, das Gewicht von Lukas auf sich, schnürte ihm die Luft ab und dennoch war es, mehr als alles andere, unbeschreiblich. Allmählich wich die Starre von ihm, ertasteten seine Fingerspitzen weiche Haut und feste Muskeln. Er hatte noch nie die Zunge eines Jungen geschmeckt, geschweige denn, dass seine Hand jemals im Bund einer Boxershorts verschwand, die nicht die seine war.
Was passierte hier mit ihm? Wie in Zeitlupe, glitt sein Shirt nach oben, spürte er den warmen Hauch von Lukas auf seinem Körper. Ihm stockte der Atem. Dieses Verlangen, diese Leidenschaft, sie war nicht mit dem vergleichbar, was er bei Anna empfunden hatte, was er je empfunden hatte. All seine Sinne schienen nur noch Lukas wahrzunehmen. Markus schwindelte vom Dope und vor Erregung. Verlor er jetzt endgültig den Verstand?
Erneut loderte ein „Nicht denken!“ auf, erfasste ihn ein Schaudern, weil die Hand auf seinem Bauch, Zentimeter für Zentimeter, nach unten wanderte, bis der Daumen seine Leiste streifte. Keuchend schloss er die Augen, nichts trennte sie voneinander und Markus wollte nur eines: dass Lukas nicht aufhörte. Er drängte sich an ihn, die Bewegungen seiner Hüfte wurden ungestümer, doch mit einem Mal hielt Lukas inne.
Zwei Lichter brachen aus dem nächtlichen Wald hervor, durchdrangen die Dunkelheit und ihre Zweisamkeit wurde abrupt beendet. Die Scheinwerfer kamen direkt auf sie zu, erleuchteten den oberen Teil der Wiese.
Lukas drückte ihn zu Boden, presste die Hand auf seinen Mund und starrte ihn an. Das Lächeln in seinem Gesicht war verschwunden. Wer zum Henker kreuzte um diese Zeit hier auf? Hatte sie jemand verfolgt? Lukas ihn, nicht nur wortwörtlich, aufs Kreuz gelegt?
Der Wagen hielt. Eine Tür wurde geöffnet. Wie Tiere, die Gefahr witterten, duckten sie sich und hatten nur einen Wunsch, unentdeckt zu bleiben! Lukas schien genauso überrascht zu sein wie er. Noch lag die Nacht schützend über ihnen, doch das konnte sich bald ändern. Es war Mitte Juni, der Himmel würde sich früh lichten, dagegen konnten sie nichts ausrichten. Inmitten der freien Fläche war es ihnen unmöglich sich zu bewegen, ohne ihr Versteck und ihre Anwesenheit preiszugeben. Eine leichte Brise strich durch die Halme. Jegliche Unbefangenheit war verflogen.
Wenn man sie jetzt entdeckte, dann war die Situation eindeutig, sie ließ keinen Spielraum dafür etwas falsch zu interpretieren.
*** Ende der Leseprobe ***